Ausgehend von der althergebrachten soziologischen Annahme, dass sich ein jeder von uns als eine Ansammlung unterschiedlicher Rollenmodelle betrachten lässt, scheint die vereinte Internetgemeinde momentan an der Schwelle in ein neues zwischenmenschliches Zeitalter zu stehen. Die Tür hinein ist weit geöffnet und viele von uns haben die Schwelle bereits passiert, ohne es überhaupt bewusst zu merken. Der 24 hours Umgang mit Social Networks und Communication–Tools ist zu einer absoluten Selbstverständlichkeit geworden, doch welche Folgen und veränderten Anforderungen zieht diese Entwicklung eigentlich nach sich? yiid.com z.B. versteht sich nach Eigendefinition als das „Drehkreuz deiner sozialen Identitäten“ und trifft damit den Kern einer Entwicklung punktgenau: Gleich einem Drehkreuz scheint der Web 2.0 Nutzer in eine rotierende Dauerschleife geraten zu sein, die so heftig beschleunigt, dass die Einzelelemente kaum noch wahrzunehmen sind. Wer oder was bin ICH denn eigentlich? Wo bin ich was und was bin ich wie? Klingt verwirrend und ist es auch!
Zur Erklärung dient ein fiktives Beispiel: Max Mustermann ist Angestellter bei einer renommierten deutschen Versicherungsgruppe. Nach einem anstrengenden Montag ist er heilfroh, dem Büro zu entkommen und sich in die Privatwelt seines Singlehaushalts zurückzuziehen. Dort angekommen wirft er den Rechner an und und findet bei Facebook eine soeben gesendete, ausführliche Mail seines Vorgesetzten, der ihm haarklein die Agenda für den morgigen Arbeitstag erklärt. Der Abend für Herrn Mustermann ist ruiniert, Abschalten unmöglich und die Gedanken kreisen schon wieder um den morgigen Tag. Warum hat er seinen Chef nur in die Freundesliste aufgenommen? Ablehnen konnte er die Anfrage jedoch auch schlecht, schließlich sind die Kollegen ja auch alle mit dem Chef bei Facebook „befreundet“. Max erinnert sich wehmütig an die Zeit seiner Ausbildung, als die Vernetzung noch nicht so fortgeschritten war und verflucht innerlich den Druck, im Internet als „Onlineidentität“ präsent sein zu müssen. Seinen Unmut über die ganze Sache würde er am liebsten per Twitter in die Welt schreien, aber wer weiß, wer da alles wieder mitliest. Den Überblick über seine Follower hat er schon längst verloren. Am anderen Ende der Leitung sitzt Max’ Chef und hat ähnliche Probleme. Zahlreiche Geschäftskontakte und einflussreiche Personen finden sich in seiner Facebookfriendliste in ständiger Erwartungshaltung ihm gegenüber.
Derartige Probleme mögen auf den ersten Blick trivial erscheinen, sind jedoch von immenser Tragweite und können unangenehme Drucksituationen erzeugen. Das oben geschilderte Fallbeispiel ist von nur begrenzter Komplexität, die Tiefe der Gesamtproblematik jedoch kaum abzuschätzen. Schließlich ist ein Max Mustermann eventuell nicht nur bei Facebook angemeldet, sondern bei weiteren zehn virtuellen Netzwerken und sein Blackberry steht auch kaum noch still. Herr Mustermann ist nicht nur acht Stunden auf der Arbeit und danach Privatperson – er ist jetzt ein 24 Stunden Workaholic, ohne dafür überhaupt aktiv präsent sein zu müssen. Verfügbar sind seine Onlineidentitäten und die angeschlossenen Messaging Funktionen für andere immer. Würde er sich löschen, wäre es ein riesiger Aufwand, die zahlreichen weiterhin relevanten Kontaktdaten zu sichern und unangenehme Fragen der Kategorie „Was ist denn mit dir los, fühlst du dich überlastet?“ zu beantworten. Der Titel „Internetaussteiger“ erscheint wenig erstrebenswert. Außerdem ist Herr Mustermann trotz den entstehenden Problemen im Grunde gerne als Social Network User präsent, schließlich bietet sich ihm hier die beste Möglichkeit, eine ungeahnte Reichweite an Menschen mit Informationen zu versorgen und sich den eigenen Wünschen und Zielen entsprechend selbst darstellen zu können.
Immer begleitet werden seine Aktivitäten von der ständigen Frage, in welcher Form er sich auf den unterschiedlichen Onlineschauplätzen darstellen kann, will und darf. Dass es nicht unbedingt förderlich ist, die Bilder von der letzten Weihnachtsfeierorgie ins Netz sickern zu lassen, sollte sich mittlerweile rumgesprochen haben. Die Definition einer viel zitierten Online Reputation, wie sie in einem aktuellen Interview mit PR Blogger Klaus Eck erneut Erwähnung findet, erscheint vor dem aktuellen Wandel überarbeitungsbedürftig. Das Vermeiden einer Verquickung der privaten und der beruflichen Existenz im Internet ist nur noch unter Akzeptanz der daraus resultierenden Nachteile für das eigene Networking möglich. Die Zielsetzung des Web 2.0 Participants muss es sein, diese beiden Existenzen sinnvoll miteinander zu verknüpfen, wofür es jedoch aktuell noch keine allgemeingültige Verhaltensblaupause gibt, was der Diversität der einzelnen Onlineerscheinungsbilder und Userbedürfnisse geschuldet ist.
Shakespeare’s berühmter Ausspruch „All the world’s a stage“ könnte zum Mantra des Social Networkings werden. Im Unterschied zu den englischen Bühnen des 16. Jahrhunderts fällt auf den virtuellen Brettern jedoch nie der Vorhang. Die Rollenverteilung wird zusehends unklarer und es gibt keine Maske, die das eigene Konterfei zwischen den Akten wohlwollend bearbeitet. Jeder Protagonist ist gefragt, eigenverantwortlich das passende Drehbuch zu entwickeln, die eigene Rolle zu schärfen und ein kohärentes Onlineprofil zu entwickeln, das das Individuum in seiner Gesamtheit repräsentiert und nicht nur Teilsektoren der eigenen Existenz. Die gesamte Social Networking Gemeinde steht vor einer Herausforderung, die es in der Kulturgeschichte in dieser Tragweite noch nicht zu bewältigen gab. Man darf gespannt sein, welche Lösungsansätze, Probleme und weiteren kulturellen Umwälzungen aus diesem Dilemma heraus entstehen!

