Bald verleiht uns das Internet die Unsterblichkeit! Virtuelle Gedenkdienste mit Profilen verstorbener Personen existieren bereits und Branchenriese Facebook plant, eine ähnliche Möglichkeit anzubieten. Als genereller Digitalisierungsskeptiker muss man hier natürlich reflexartig die Augenbrauen heben und die moralische Frage stellen: „Ist das okay, muss das sein, brauchen wir DAS auch noch?“ DAS muss sicherlich nicht zwingend sein, aber man sollte vor der radikalen Verteuflung dieser weiteren Blüte des Internets das ganze Phänomen eingehender beleuchten haben.
Manch einer mag sich an das Verschwinden einer Studentin nach einer Party vor einigen Jahren erinnern. Der mysteriöse Fall wurde auf sämtlichen Medienkanälen ausführlich kommuniziert und zahlreiche Interessierte verirrten sich im Zuge dessen auf das StudiVZ Profil der Verschwundenen. Die Pinnwand dieses Profils hatte sich in Windeseile zum Ort der Anteilnahme gemausert und die Anzahl der Kommentare ging weit in die Tausende. Aufmunternde Worte für die Familie und die Betroffene selbst fanden sich dort wieder, aber auch unschöne und im folgenden auf der gleichen Pinnwand heftig diskutierte Angriffe auf die Anteilnehmenden, die als „Heuchler“ diffamiert wurde. Ungeachtet der Tatsache, ob die Verschwundene wieder aufgetaucht ist oder nicht und es sich zum damaligen Zeitpunkt ohnehin nicht um einen wirklichen Trauerfall handelte (was ist eigentlich aus der Angelegenheit geworden?), liegt dennoch ein gemeinsamer Nenner mit den virtuellen Kondolenzbüchern vor: Die öffentliche Anteilnahme an fremdem Elend, an der sich jeder nach Belieben beteiligen kann. Dieses Phänomen gab es jedoch bereits vor den Zeiten von Web 2.0 und Guestbookkommentaren. Versetzten wir uns in die 90er zurück und erinnern uns an den unglaublichen Hype um den Tod von Lady Di oder das gigantische Gedenkkonzert nach dem frühen Ableben Freddie Mercurys. Der durch die massenhafte Anteilnahme aufgebaute Mythos um verstorbene Persönlichkeiten wird nun jedoch auch dem Otto Normal Verbraucher zugänglich gemacht. In gewisser Weise mag diese Überhöhung eines verstorbenen, lieben Menschen für die Angehörigen durchaus eine Möglichkeit der Trauerbewältigung und der Konservierung schöner Erinnerungen beinhalten.
Der problematische Kern der Sache liegt jedoch in der inflationären Verwendung der eigentlich doch sehr persönlichen Kondolenzbekundung. Die intime Trauergesellschaft einer Beerdigung im kleinen Kreise wird nun verdrängt durch „OpenGrief 2.0“ . Die Betreiber der Trauerportale bekunden zwar, strenge Zugangsregeln für die Profile Verstorbener zu führen, doch das Phänomen Trauer wird mit zunehmendem Alter der Internetgeneration immer häufiger auch in den nicht auf dieses „Fachgebiet“ spezialisierten Social Networks auftauchen. Eher Unbekannte dürfen, trotz Ihrer größtenteils nicht existenten tiefergehenden Verbindung zum Verstorbenen, ihre fragwürdige Trauer in mehr oder minder angebrachter Form mit der Welt teilen, schlimmstenfalls ähnlich der ad absurdum geführten Idee eines wer-kennt-wen, wo sich ja auch Gott und die Welt persönlich zu kennen scheinen. Es muss die Frage gestellt werden, ob diese Form der Trauer nicht vielmehr eine generelle Tendenz der Entfremdung verdeutlicht. Eines der großen Tabuthemen der Industriegesellschaft, nämlich Tod und Vergänglichkeit, wird mit einigen Mausklicks abwickelbar gemacht. Hätten sie ungeladen die Beerdigung des Verstorbenen betreten und bei seinen nächsten Angehörigen ihre eben aus einer virtuellen Zitatesammlung kopierte Lebensweisheit zum Thema Sterben lautstark verkündet?

