
- Image by Timo Heuer via Flickr
Sascha Lobos auf Spiegel Online publizierter Aufsatz „Die bedrohte Elite“ kann meiner Meinung nach als wichtiger Punkt im Diskurs zur sich herausbildenden digitalen Gesellschaft betrachtet werden. Lobo gelingt das, woran viele Journalisten, Autoren und Internetexperten bis jetzt gescheitert sind: Er schlägt die Brücke zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und skizziert trefflich das herausragende Merkmal der vernetzten Welt: Ein jeder kann teilhaben, Inhaltsselektion durch eine herrschende mediale Elite wird dekonstruiert und eine durch ein massendemokratisches Momentum angetriebene Schwarmintelligenz beginnt, in ihren Auswirkungen den weltweiten, öffentlichen Dialog mitzubestimmen, ohne dabei zur normativen Konsensmaschine zu verkommen. Ferner macht Lobo eine Renaissance der Schriftkultur insbesondere unter Jugendlichen aus, die sich über Einträge im Internet der Welt mitteilen. Auch in diesem Punkte mag man ihm Recht geben, gleichermaßen scheint auch die Anregung zum „Internetunterricht“ für Schüler mehr als sinnvoll angesichts der wachsenden Wichtigkeit eines angemessenen Umgangs mit dem Medium Web. In einem Punkt erscheinen mir Lobos Thesen jedoch zu gewagt. Die von ihm eingeforderte Hilfestellung für die Generation, die nicht mit dem Internet aufgewachsen ist, mag zwar von einer hehren Grundintention zeugen, wird in meinen Augen jedoch nicht mehr als Wunschdenken bleiben.
Zur Erklärung meiner Annahme möchte ich Marshall McLuhans gern bemühtes Sinnbild der „Global Village“ heranziehen und zwei gegensätzliche Gruppierungen kontrastieren. Auf der einen Seite steht die Generation der mehr oder minder mit dem Internet Aufgewachsenen bis zum Alter von etwa 35 bis 40 Jahren, auf der anderen die der Personen, die diese Altersgrenze bereits überschritten haben. Solch eine Kategorisierung hat selbstverständlich keinerlei Anspruch auf soziologische Belegbarkeit, sie soll an dieser Stelle auch nur beispielhaft zur Erklärung einer Grundproblematik dienen. Internet in seiner heutigen Erscheinungsform lässt sich weniger als Global Village bzw. Bedingung der Entstehung einer solchen Global Village definieren, denn als Motor einer virtuellen Urbanisierung. Auf der einen Seite tummeln sich die Eingeborenen der Metropole Internet: Digital Natives wie wir, die mehr oder weniger gekonnt die Klaviatur der Großstadt Netz bespielen, auf der anderen Seite stehen uns die Älteren gegenüber. Sie wirken abgehängt, eine Art Cyber-Prekariat, das merkt, dass sich etwas verändert, aber nicht genau benennen kann, was vor sich geht, geschweige denn, in welche Richtung der Zug abzufahren droht.
Der Graben, der sich zwischen diesen beiden Gruppen auftut, wird auch bei gutem Willen nicht mehr auffüllbar sein. Vereinzelte Ältere entpuppen sich als anpassungsfähige Chimären und meistern die Transformation zum Stadtbewohner, während viele andere zurückbleiben und versuchen, Ackerbau und Viehzucht zu pflegen, so lange es noch möglich ist. Dieser überspitzte Vergleich zur industriellen Revolution mag provokant erscheinen, weist aber auf vergleichbare Parallelen in der Dynamik gesellschaftlicher Umstrukturierungsprozesse hin. Sascha Lobo hält den aktuellen Wandel „für so revolutionär, als wären Buchdruck, Telefon und Fernseher gleichzeitig erfunden worden.“ Vor dieser Aussage erscheint seine Anregung zur Aufklärungsarbeit als probates Gegenmittel gegen die Überforderung der Älteren äußerst unrealistisch. Die „vordigital Geprägten“, wie Lobo sie nennt, werden nicht in mühevoller Missionierungsarbeit von der jüngeren Generation zum „Digitalismus“ konvertiert werden.
Das weiß Lobo im Grunde auch und angesichts des träumerischen Charmes seiner Vorstellungen ist man geneigt, ihm diesen Täuschungsversuch zu verzeihen. Interessanterweise versucht er jedoch, die „Abgehängten“ genau an dem Ort abzuholen, der ihnen so vertraut ist. Verführerisch möchte er sie exakt von dort mitnehmen, wo sie sich wohlfühlen. Im Dorf der analogen Begegnung, wo man sich Auge in Auge unterhält. Der Sohn erklärt dem Papa beim gemeinsamen Bier, wie das mit diesem komischen Internet funktioniert. Der Angestellte der mittelständischen Firma zeigt seinem golfenden 60 jährigen Chef stundenlang, was dieses Twitterding ist und welche Applications sich lohnen. Solche Situationen gibt es zweifelsohne, jedoch weiß der ein oder andere aus eigener Erfahrung sicher um die Nachhaltigkeit solcher Bemühungen. Menschen, die im Grunde nie etwas mit dem Computer zu tun hatten, werden nicht nach einer kurzen Gehirnwäsche zu netzaffinen Bloggern und Geeks. Die Existenz von Google und Ebay hat sich auch bis zu meinen Eltern rumgesprochen, darüber hinaus ist das Netz für sie jedoch trotz meiner ausgiebigen Aufklärungsversuche eine unbekannte Größe geblieben. Immerhin wissen sie, dass ich für http://yiid.com arbeite.
Doch was erwartet den Dörfler eigentlich in der digitalen Stadt? Was kann das Internet abgesehen von reiner Information einem Menschen, der sich nie mit damit auseinandergesetzt hat, noch bieten?An dieser Stelle versteckt sich die Wurzel des essentiellen Misstrauens, das viele ältere Menschen dem neuen Medium entgegenbringen. Das Internet ist trotz aller Darstellungsmöglichkeiten, wie übrigens auch alle anderen Medien, in seinem Grundnaturell höchst unpersönlich. Kommunikation im Internet vollzieht sich überwiegend auf textlicher Ebene und widerspricht damit dem menschlichen Grundbedürfnis, die eigene Identität in ständiger Face to Face Kommunikation bestätigt zu erleben. Hier liegen die zuvor vermuteten Analogien zu den Charakteristika der „realen“ Metropole. In weiten Teilen anonymisiert, diversifiziert und bis in kleinste Einzelbestandteile aufgesplittet wird die Stadt Internet zum Antagonisten des Dorfes, in dem man sich kennt, Tradition weitergegeben wird und in dem unsere Elterngeneration lebt. Internet bedeutet Dynamik und Schnelllebigkeit in einem Maße, das auch den ein oder anderen Digital Native ins Schwitzen bringen kann.
Welche Wirkung muss also dieser Moloch auf den Neuankömmling haben, der keine früh antrainierten Selektionsmechanismen mitbringt und dem die dort trotz aller vermuteten Freiheit existierenden Konventionen absolut fremd sind? Soziale Verelendung war die Folge der Stadtflucht während der industriellen Revolution, allerdings brauchen wir uns keine Sorge machen, dass wir an der Schwelle zur Bildung digitaler Slums stehen. Wer sich dem Netz bis jetzt verweigert hat, wird es zum großen Teil auch weiterhin tun und mit Ableben unserer Eltergeneration wird wohl auch kein allzu großer Bedarf mehr nach missionarischer Tätigkeit in Sachen Web bestehen.
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