Der folgende Beitrag bezieht sich auf den im Dezember vergangenen Jahres auf dem O’Reilly Radar veröffentlichten Artikel “Being online: identity, anonymity, and all things in between” von Andy Oram. Oram beschreibt in seinem mehr als auführlichen Posting die Entwicklung der Identität des Individuum in acht, inhaltlich zusammengehörigen Teilartikeln, die dem Leser eine längere Aufmerksamkeitsspanne als ein typischer, kurz gehaltener Blogeintrag abverlangen. Da sich in dieser Masse jedoch interessante Aspekte zum bisherigen Entstehen und der zukünftigen Richtung der Online Identität verbergen, sollen an dieser Stelle die wesentlichen Eckpunkte seines Beitrags in komprimierter Form dargestellt werden. Zur Illustration seiner Überlegungen zieht Oram Shakespeares Hamlet heran. Hamlet befindet sich im ständigen Zwiespalt zwischen seiner Selbstwahrnehmung und der Art und Weise, wie ihn seine Zeitgenossen sehen. Was das mit Internet und Online Identität zu tun hat? Folgen wir Oram durch die wichtigsten Punkte seiner Artikel, werden die Zusammenhänge offensichtlich:
- Die Geschichte der Erfassung der eigenen Identität durch Dritte beginnt nicht erst mit dem wachsenden Einfluss des Internet. Bereits vor den Zeiten von Google Überwachungshysterien und Datenschutzskandalen in Social Networks waren Institutionen und Interessengruppen in der Lage, mit Hilfe von z.B. statistischen Erhebungen, öffentlich zugänglichen Registern oder demografischen und historischen Aufzeichnungen ein recht präzises Bild von sozialen Milieus und den zugehörigen Einzelpersonen zu zeichnen. Oram führt drei gängige Merkmale zur Identitätskonstruktion an, wie sie etwa von Sicherheitssystemen zur Identifizierung verwendet werden: “something you possess, something you know, and something you are“. Teilinformationen wie etwa die über die IP nachvollziehbare geographishe Position des Nutzers verarbeitet das Netz bzw. einzelne Anbieter und Dienstleister auch ohne dessen persönliche Eingabe von Daten und Informationen. Fragmentierte Kleinstinformationen werden also verwendet, ohne daraus jedoch ein wirkliches Gesamtbild gewinnen zu können. Im Falle einer Straftat reichen diese Informationen jedoch zur völligen Identifizierung durch die Behörden aus.
- Personalisierte Online-Werbung wird aus weiteren Fragmenten der eigenen Identität generiert. Sie bezieht sich auf demografische Gruppen und nicht die Existenz einzelner Individuen und wird maschinell weiterverarbeitet. Oram verwendet als Beispiel computergesteuerter Datenerfassung das Google Dashboard. Google kann einem die Informationen nur dann personalisiert aufbereiten, wenn man sich eigenhändig eine Identität dort schafft. Der „reale“ Mensch in seiner Ganzheit tritt im Fokus eines Werbers also nicht in Erscheinung. Im Umkehrschluss entsteht jedoch die Gefahr, dass aus der Ableitung von durch Onlinenutzung generierten Daten Erkenntnisse geworden werden, die der weitaus komplexer angelegten Einzelpersönlichkeit anschließend als allgemeingültig vermittelt werden. Marketing sammelt also nicht nur, sondern greift durch die Umsetzung gewonnenen Wissens auch aktiv in das „reale“ Leben von Einzelpersonen und der Gesellschaft ein, kann Wertvorstellungen, Wünsche und Sorgen generieren und instrumentalisieren.
- Die in Punkt 2 erklärte „Reflexivität“ findet auch auf persönlicher Ebene im Internet statt. Ein vom „Gothic“ Stil fasziniertes Mädchen, das durch das Internet erst auf diese Mode aufmerksam wurde, wird als Reaktion weitere Mädchen durch die von sich online publizierten Fotos für diesen Stil begeistern und damit beeinflussen können. Die dem Internet oft nachgesagte Aufsplittung persönlicher Identitäten wird verdrängt durch die Möglichkeit, die eigene Identität spielerisch zu formen, auszuleben und durch Online Feedback bestätigt zu sehen. Twitter ist das Paradebeispiel dafür, das eigene Mitteilungs- und Darstellungsbedürfnis zu befriedigen. Interessanterweise kommt Oram zu der Annahme, dass Gruppenzugehörigkeit im Internet eher verstärkt ausgelebt wird. Die Wahrnehmung von Gruppen aller Art wird durch das Online Verhalten der zugehörigen Menschen entscheidend beeinflusst. Geschlecht, Ethnie und sozialer Hintergrund finden sich auch in unseren Onlineauftritten wieder und bestimmen über die Wahrnehmung der Gesamtgruppe durch Dritte. Das Netz bietet nun also die Möglichkeit, Stereotypen umzugestalten oder zu verstärken.
- Social Networks generieren laut Oram eine „personal information economy“. Information wird zur Handelsware, die wir im Austausch gegen für uns vorteilhafte und interessante Informationen anderer User preisgeben. Wir befinden uns also auf einem Markt, der uns ein stetiges situations- und netzwerkgerechtes Abwägen abverlangt, was der virtuellen Öffentlichkeit zu welchem Zweck mitgeteilt werden soll. Ein kommender Trend, der bereits durch Second Life anklang, ist die Anbindung der Community selbst an das „externe“ Leben. Reale Plätze sollen sich im Netzwerk repräsentiert wiederfinden, um dem User Bezugspunkte zu seiner eigenen Identität bieten zu können. Vielleicht findet sich hier die Wurzel des beginnenden Trubels um Foursquare…
Die Hamlet-Problematik besteht also darin, dass unser Onlineleben immer nur - im wahrsten Sinne des Wortes - „bit by bit“ wahrgenommen wird, aber für den Betrachter nie unsere ganze Geschichte und unser gewünschtes Selbstbild zum Ausdruck kommen. yiid bietet eine kleine Gehhilfe, um den Überblick über sich selbst im Netz zu behalten, die „Geschichte“ zur eigenen Onlinexistenz, wie Oram es blumig betitelt, müssen wir jedoch durch stetigen Dialog in den Social Networks und Blogs selbst schreiben, um möglichst dem eigenen Interesse entsprechend wahrgenommen zu werden. Orams kompletter Text sei jedem Internetbegeisterten an dieser Stelle wärmstens empfohlen, auch wenn er in seiner Länge vor dem Screen nur schwer zu genießen ist.
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