Online Reputation ist zu einem der großen Mysterien des Internet mutiert. Viel zitiert und immer wieder analysiert, beinahe schon zur Pseudowissenschaft hochstilisiert, thront der Begriff im Netz. Viele Netzteilnehmer tendieren mittlerweile dazu, den Begriff zu verteufeln und das mit Recht. Ein Thema auf dessen übermäßige, gigantische, weltbewegende Bedeutung für die Existenz eines jeden Menschen man immer wieder mit der Nase gestoßen wird, verliert einfach mit der Zeit gewaltig an Reiz. Eine gewisse Relevanz ist der Angelegenheit jedoch nicht zu abzusprechen, befinden wir uns doch auf dem besten Wege in eine digitale Gesellschaft. Teilnehmen an einer Gesellschaft bedeutet, aktiv an deren Gestaltung zu partizipieren. Wer sich also allzu passiv im Netz zeigt, läuft demnach in Zukunft Gefahr, den sozialen Anschluss zu verpassen.
Entsprechend der Beobachtung, dass die allmählich aufkeimende digitale Gesellschaft vor allem der älteren Generation zu schaffen macht, sollte man im Umkehrschluss davon ausgehen, dass die Jugend Feuer und Flamme für den Hype rund um die digitale Selbstdarstellung im Netz sei. Allerdings musste ich in letzter Zeit mehrfach feststellen, dass dies längst nicht der generelle Mindstate ist. Bestes Beispiel dafür ist eine Bekannte von mir, deren Studium sich dem Ende zuneigt und die ein wenig orientierungslos in die berufliche Zukunft blickt. Google spuckt mir zu Ihrem Namen etwa fünf recht nichtssagende Treffer aus. Interessant daran ist jedoch, dass besagte Bekannte keinesfalls eine Internetabneigung hat und bereits vor vielen Jahren Facebook nutzte, als dieses noch in erster Linie ein Portal für Studenten war und die meisten von uns noch so weit vom Social Networking entfernt waren wie Buxtehude vom Starnberger See. Mein vorsichtiger Hinweis, sich selbst, im Hinblick auf die beruflichen Möglichkeiten, im Netz vielleicht ein wenig öffentlicher darzustellen, wurde mit einem „Nein, das will ich nicht. Privates bleibt privat und überhaupt hab ich ja eh nicht so viel zu bieten.“ quittiert. Mit den folgenden, allgemein gehaltenen Punkten soll dem Skeptiker der Sinn einer geordneten Selbstdarstellung im Netz vermittelt werden:
- Privates und Beruf voneinander zu trennen wird im Zeitalter digitaler Medien immer schwieriger. Je mehr Teile des täglichen Lebens vom Internet beeinflusst werden, umso problematischer wird es, hier noch eine strikte Trennung aufrecht erhalten zu können. Dieser Trend mag nicht jedem gefallen, aber ist schlicht unumgänglich. Das Web hat vor allem im beruflichen Bereich eine solche Bedeutung erlangt, das ein Rückschritt einfach nicht mehr möglich ist. Internet ist DAS Kommunikations- und Informationsreservoir unserer Zeit. Sie verlassen nicht um 17 Uhr Ihr Büro und das Internet schaltet auf den Anrufbeantworter um. Sie sind beruflich und privat im Netz unterwegs, also warum sollte man das zwingend trennen müssen? Sie haben ja schließlich nichts zu verbergen und können so sämtliche Facetten Ihrer Person in angemessener Form darstellen.
- Web bedeutet Potential: Sie werden im Internet auf faszinierende Menschen und Organisationen treffen, die Ihnen eine Menge an Informationen und Input anbieten. Darüber hinaus bietet sich die Möglichkeit, mit diesen in direkten Austausch zu treten. Im Sinne einer beiderseitigen Kommunikation erscheint es nur höflich, seinem Dialogpartner auch ein paar Details über sich selbst anzubieten. Geben und nehmen lautet die Devise!
- Das Internet ist keine ständig Existenzen vernichtende Todesmaschinerie, die nur darauf ist, Ihren Ruf in den Schmutz zu ziehen, wie es uns momentan viele Dienstleister und selbsternannte Reputationsgurus glauben lassen wollen. Vielmehr muss man das Netz als eine großartige Option betrachten, das persönliche Profil den eigenen Wünschen entsprechend schärfen zu können. Mit einigen Klicks auf einschlägigen Social Networks lassen sich Profile erstellen, die einem als Einzelperson ein hohes Google Ranking bescheren und von nun an Ihre Visitenkarte im Netz sind. Gleichzeitig ermöglicht das Erstellen solcher Profile gerade den “Orientierungslosen” eine persönliche Bestandsaufnahme: Wer bin ich denn eigentlich, was interessiert mich, was habe ich der Welt mitzuteilen und was sollten andere über mich erfahren?
- Der Gedanke an eine aalglatte, fehlerlose Selbstdarstellung schreckt Sie ab? Diese ist auch kein Muss, sondern wirkt eher gekünstelt und lässt Sie in der Masse untergehen. Gerade im allgemeinen Reputationswahn liegt die Gefahr, sich selbst bis zur Unkenntlichkeit zu zensieren. Warum sollte man im Netz davor zurückschrecken, eine konträre Meinung zu vertreten? Durch lebhaften Austausch und bewusst zur Schau gestellte Ecken und Kanten kann man sich vom großen Einheitsbrei abgrenzen. Wo jeweils die Grenzen zwischen Eigenmarketing und Diskussionfreude gegenüber Exhibitionismus und unangebrachtem Verhalten in der Öffentlichkeit liegen, sollten man mit gesundem Menschenverstand auch ganz ohne Ratgeber für sich selbst beantworten können.
- Sollten Sie sich nicht sicher sein, was an Ihnen für andere Netzuser interessant sein könnte, ist das auch kein Beinbruch. Ein großer, wenn nicht sogar der überwiegende Teil der Netzteilnehmer generiert eher weniger eigenen Inhalt, dient aber vielmehr als Multiplikator und Bewerter von Informationen. Sie stoßen im Netz auf eine für Sie persönlich interessante Seite, dann lassen Sie es auch Ihre Kontakte in den sozialen Netzwerken wissen. Relevanz im Internet zu erlangen, bedeutet nicht zwangsläufig, auf seiner eigenen Homepage die größte Erfindung seit der Dampfmaschine propagieren zu müssen, sondern es genügt oft, aktuelle Trends zu verfolgen, kommentieren oder adaptieren. Natürlich reicht bloßes Kopieren nicht aus, Ihre persönliche Note sollte zu erkennen sein.
Das „Reputationsmanagement“ lässt sich also zumindest für den Durchschnittsuser (im Gegensatz zum Unternehmen) ohne weiteres meistern, sollte man sich nicht wie die Kuh auf dem virtuellen Eis benehmen. Schlussendlich gibt es auch immer noch die guten alten Privatsphäre-Buttons in Social Networks, die einem das Gefühl heimischer vier Wände vermitteln können. Möglicherweise sperrt man dabei aber interessante Besucher aus

